© Falk Heller www.argum.com

13.11.2018

Bilanz Ausbildungsplatzmarkt 2017/2018

Zusammen mit der Agentur für Arbeit Kassel und der Industrie- und Handelskammer Kassel-Marburg haben wir Bilanz gezogen: In den Bemühungen um die Sicherung von Nachwuchskräften nicht nachlassen!

Nicht nachlassen in den Bemühungen um die Sicherung von Nachwuchskräften. Auf diesen Nenner lässt sich die Situation auf dem Kasseler Ausbildungsmarkt im Zuständigkeitsbereich der Arbeitsagentur Kassel, der Handwerkskammer Kassel und der IHK Kassel-Marburg bringen. Das heißt, die Unternehmen reagieren auf die demografische Entwicklung und den anhaltenden Trend zur akademischen Ausbildung mit einer Verstärkung ihres Engagements in der Ausbildung. Dabei nehmen sie auf der einen Seite Bewerbergruppen in den Blick, deren Ausbildung einen höheren Aufwand erfordert, machen aber auch, auf der anderen Seite, neu und zusätzliche Angebote, um mehr junge Menschen für eine duale Ausbildung zu gewinnen. Für die drei Ausbildungsakteure im Agenturbezirk Kassel (Wirtschaftsregion Kassel und Werra-Meißner-Kreis) ist dieser Trend keineswegs neu und überraschend, hatte sich diese Entwicklung doch schon in den vergangenen Jahren abgezeichnet.

Arbeitsagentur: Weniger Bewerber und mehr Ausbildungsstellen

Weniger Bewerber und mehr Ausbildungsstellen als im Vorjahr meldet die Agentur für Arbeit Kassel für das abgelaufene Berichtsjahr für den Agenturbezirk, der die Stadt Kassel, den Kreis Kassel und den Werra-Meißner-Kreis umfasst. So zeigt die aktuelle Bilanz 3515 betriebliche Ausbildungsplätze, 216 oder 6,5 Prozent mehr als zum selben Zeitpunkt des Vorjahres. Parallel sank die Anzahl der Lehrstellensuchenden um 91 oder 2,3 Prozent auf jetzt 3804 Personen. Am Ende standen 106 unversorgte Bewerber (plus 27 oder 34,2 Prozent) 76 unbesetzten Berufsausbildungsstellen (plus 7 oder 10,1 Prozent) gegenüber.

Für die Stadt Kassel heißt das 1645 betriebliche Berufsausbildungsstellen (plus 38 bzw. 2,4 Prozent) und 1577 Bewerber (minus 46 bzw. 2,8 Prozent). Im Kreis Kassel sind es 1299 Angebote von Ausbildungsbetrieben (plus 158 bzw. 13,8 Prozent) und 1465 potentielle Berufsstarter (minus 2 bzw. 0,1 Prozent). Für den Werra-Meißner-Kreis zeigt die Jahresbilanz 571 Offerten heimischer Betriebe (plus 20 bzw. 3,6 Prozent) gegenüber 762 Lehrstellensuchenden (minus 43 bzw. 5,3 Prozent).

Im gesamten Agenturbezirk wurden die meisten Auszubildenden gesucht in den Berufsbereichen Rohstoffgewinnung, Produktion und Fertigung (1139), kaufmännische Dienstleistungen, Handel, Vertrieb und Tourismus (746) sowie Unternehmensorganisation, Buchhaltung, Recht und Verwaltung (736). Die Top 5 der gemeldeten Lehrplätze belegen Kaufmann/frau im Einzelhandel vor Kaufmann/frau Büromanagement, Fachkraft Lagerlogistik, Verkäufer/in und Industriemechaniker/in. Seitens der Bewerber rangieren Kaufmann/frau Büromanagement vor Verkäufer/in, Kaufmann/frau Einzelhandel und Industriemechaniker/in auf der Beliebtheitsskala ganz oben.

Bei der Qualifikation der Schulabgänger nahm binnen Jahresfrist der Anteil der Abiturienten, Fachhochschüler und Realschüler leicht ab, während die Anzahl der Jugendlichen mit bzw. ohne Hauptschulabschluss angestiegen ist.

Michael Schubert, Geschäftsführer operativ der Arbeitsagentur, bilanziert: „6,5 Prozent mehr Offerten der heimischen Unternehmen belegen das hohe Engagement der regionalen Wirtschaft in der betrieblichen Ausbildung. Berufsstarter sollten diese Angebote nutzen und als solide Basis für ihre künftigen Karrierechancen bis hin zu Führungspositionen verstehen.“ Heimische Ausbildungsbetriebe stehen, so Schubert, zunehmend in Konkurrenz um Bewerber für duale Ausbildung, zumal der Trend, weiterführende Schulen zu besuchen, die direkte Anwerbung von Nachwuchskräften nach wie vor bremst. Die erfolgreiche Vermittlung von Schulabgängern in Ausbildung sei sowieso kein reines Rechenexempel. Selbst wenn die Anzahl der gemeldeten Lehrstellen und der Bewerber nahezu gleich wären, spielten Qualifikation, Talente und Interessen eine entscheidende Rolle.

 

HWK: Attraktive Ausbildung mit dem Berufsabitur

Als einen Weg, mehr junge Menschen durch ein zusätzliches Angebot für eine Ausbildung im Handwerk zu gewinnen, stellte Cornelia Mündel-Wirz das Berufsabitur vor. „Auf diesem Weg“, erläuterte die Bildungsexpertin der Handwerksammer Kassel, „können Auszubildende mit einem Realschulabschluss neben der Ausbildung auch die Fachoberschulreife erwerben“. Durch zusätzlich 240 Stunden Berufsschulunterricht, verteilt auf die drei Ausbildungsjahre, erwerben die jungen Handwerkerinnen und Handwerker neben ihrem Gesellenbrief auch den entsprechenden Schulabschluss.

„Mit diesem Angebot kommen wir den Wünschen von Schülern und Eltern entgegen, die nach wie vor wie vor auf einen höheren Bildungsweg setzen“, führte Mündel-Wirz aus. Mit dem Berufsabitur eröffne das Handwerk vor allem leistungsstarken Auszubildenden weitere Karrierewege und –chancen. Aber auch für das Image der dualen Ausbildung sei diese Qualifikation ein Gewinn. „Uns freut das Interesse und auch die Nachfrage am Berufsabitur, die groß ist. Denn durch unsere Gespräche wissen wir, dass wir den jungen Menschen weiterhin zusätzliche attraktive Angebote machen müssen, um sie von einer Ausbildung im Handwerk zu überzeugen.“

So verzeichnete die Kammer zum 30. Oktober 2018 einen leichten Zuwachs von 0,6 Prozent bei den neu eingetragenen Lehrverträgen, deren Zahl von 2.731 auf 2.747 stieg. Der Vergleich mit den Vorjahreszahlen, wo der Anstieg bei 7,9 Prozent oder 200 Verträgen gelegen hatte (von 2.531 auf 2.731), zeige aber, dass es für die Betriebe immer schwieriger werde, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen. Dafür spreche auch, dass die Zahl der Geflüchteten, die eine Ausbildung im Handwerk machen, erneut von 224 auf 330 gestiegen sei, so die Bildungsexpertin. Vor diesem Hintergrund sei das Berufsabitur ein gutes Angebot, mit dem die Betriebe ihre Nachwuchs- und Fachkräftesicherung aufwerten und ausweiten könnten.

 

IHK: Nordhessen auf Kurs – Plus 1,3 Prozent

„Nordhessens Betriebe bleiben bei der Gewinnung junger Nachwuchskräfte auf Kurs!“ Auf diese griffige Formel brachte Walter Ruß, stellvertretender Bereichsleiter Aus- und Weiterbildung der IHK Kassel-Marburg, die Bewertung der IHK-Bilanz neu eingetragener Ausbildungsverträge 2018. Zum dritten Mal in Folge, so Ruß, schloss die IHK ihre Jahresstatistik am 30. September mit einem Plus: 1,3 Prozent stehen für den gesamten IHK-Bezirk in 2018 zu Buche. „Die Ausbildungsbereitschaft der heimischen Betriebe ist ungebrochen groß“, unterstrich Ruß seine Bilanz und betonte, „dass die Betriebe im Wettbewerb mit akademischen Laufbahnen hervorragende Voraussetzungen für eine attraktive Karriere mit der dualen Ausbildung geschaffen haben. Wer sich von den jungen Leuten heute für eine duale Ausbildung entscheidet“, so der IHK-Bildungsexperte, „nimmt die Herausforderungen der Digitalisierung an und gestaltet die Zukunft der Region entscheidend mit.“ Das Ergebnis, ergänzte Ruß, sei unabhängig vom Stichtag 30. September sogar noch erfreulicher: Nach dem Stichtag reichten Nordhessens Betriebe noch weitere 76 Verträge ein, die den Zuwachs im Vergleich zum Vorjahr sogar auf 2,9 % Plus bringen.

Metall- und Elektrotechnik stark

Gerade die Metall- und Elektrotechnik präsentieren sich in der Bilanz wie in den Vorjahren als starke Treiber des Wachstums an neuen Ausbildungsstellen. Nachdem erst im August eine Novellierung der Metall- und Elektroberufe und des Mechatronikers erfolgte, stehen hier die Zeichen hier klar auf Zukunft. Zuwächse beim Anlagenmechaniker (+6,7%) oder bei den verschiedenen Mechatroniker-Fachrichtungen (+6,9%) belegen dies ebenso wie die Zugewinne beim Konstruktionsmechaniker. Noch deutlicher die Entwicklung in den Berufen der Elektrotechnik: Dort steigt zum Beispiel die Zahl der Verträge der Fachinformatiker (+4,4 %) während die Zahl der neu eingetragenen Verträge der IT-Systemelektroniker sogar um 56,3 % zunimmt. Insgesamt wächst die Zahl der Ausbildungsverträge in der Metalltechnik um 2,1 %, die der Elektrotechnik um 6,5%.

Azubis mit Migrationshintergrund werden mehr

Erfreulich auch die Entwicklung bei den Ausbildungsverhältnissen junger Migranten: 190 neue Ausbildungsverhältnisse sind ein sehr deutlicher positiver Beitrag zur Bilanz 2018. Damit ist nach Auffassung der IHK-Bildungsexperten das Konzept der Integration durch Ausbildung (und Arbeit) erfolgreich umgesetzt worden. Im Vergleich zum Vorjahr ergibt dies eine Zunahme von 26,7 %. Zwar müsse die nähere Zukunft erst beweisen, dass dieser starke Trend von Dauer sei, es bestehen jedoch wenig Zweifel, dass der Ansatz funktioniert.

Die schwache Nachfrage nach Industriekaufleuten (minus 9,7 %) sowie Ausbildungen im Hotel- und Gaststättenbereich (minus 10,4 %) bescherte dem kaufmännischen Ausbildungsbereich einen knappen negativen Saldo von einem Prozentpunkt. Banken und Versicherungen zeigen sich von den drastischen Einschnitten in 2017 (-12,6 % und – 20,7 %) erholt und bilanzieren plus 0,8 % und plus 4,3 %. Annähernd das positive Vorjahresergebnis erreichte das Verkehrs- und Transportgewerbe. Waren es 2017 noch plus 8,2 % stehen 2018 7,2 % auf der Habenseite.


Ländlicher Raum kein Nachteil

Regional verteilen sich die Ergebnisse sehr unterschiedlich. Auffällig ist allerdings, dass die Lage im ländlichen Raum kein besonderer Nachteil weder für die Betriebe, noch für die Auszubildenden ist. Am besten abgeschnitten hat dementsprechend der Landkreis Hersfeld-Rotenburg mit plus 8,2 %, gefolgt vom Landkreis Kassel mit plus 6,8 % und Werra-Meißner mit 2,8 %. Knapp unter null landen die Stadt Kassel (-0,5 %) und die Stadt Marburg (-0,2 %).

 

 

Ansprechpartner:

Cornelia Harberg, cornelia.harberg@arbeitsagentur.de
Barbara Scholz, barbara.scholz@hwk-kassel.de
Walter Ruß, russ@kassel.ihk.de