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17.11.2020

Pressekonferenz zum Ausbildungsmarkt

17.11.20 | Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz haben die HWK Kassel, die IHK Kassel-Marburg und die Agentur für Arbeit Stellung zum diesjährigen Ausbildungsmarkt genommen.

Handwerkskammer Kassel: Die Nachwuchswerbung im Handwerk wird digital

Wie alle anderen Wirtschaftsbereichen verzeichnet auch das Handwerk in Nord-, Ost und Mittelhessen in diesem von der Corona-Pandemie geprägt Jahr einen Rückgang der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge. »Unsere Zahlen spiegeln deutlich wider, dass 2020 coronabedingt weder die reguläre Berufsorientierung in den Schulen noch die übliche Nachwuchswerbung von Handwerksorganisation und Handwerksunternehmen stattfinden konnten. Das ist für den personalintensiven Wirtschaftsbereich Handwerk keine gute Entwicklung, denn die Betriebe brauchen nach wie vor Nachwuchs- und Fachkräften« bewertet Sabine Aue, Leiterin der Abteilung Berufsbildung der Handwerkskammer Kassel, die aktuelle Ausbildungssituation im Handwerk.

So verzeichnete die Kammer Mitte November einen Rückgang von 8,3 Prozent bei den neu eingetragenen Lehrverträgen, deren Zahl von 2.928 (2019) auf 2.684 (2020) sank, ein Minus von 244 Verträgen. »Dafür, dass die Ausbildungsbereitschaft im Handwerk nachgelassen hat, haben wir keine Anzeichen. Mit knapp 450 offenen Ausbildungsplätzen, von denen 95 noch in diesem Jahr zu besetzen sind, zeigt unsere digitale Lehrstellenbörse das Gegenteil, die Handwerksbetrieben sind nach wie vor auf der Suche nach Auszubildenden.«

Aus diesem Grund hat die Kammer bereits in diesem Jahr Schülerinnen und Schülern, ihren Eltern und Lehrern sowie den Unternehmen eine Reihe unterschiedlicher digitaler Formate angeboten. »Sie wurden so gut angenommen, dass wir dieses Angebot ausbauen werden«, erklärt Aue. Darüber bietet die Handwerkskammer ihren Betrieben die Möglichkeit, sich mit unterschiedlichen Seminaren zum attraktiven Ausbildungsbetrieb zu qualifizieren, beispielsweise mit Workshops zum Thema Azubi-Marketing oder mit dem mehrteiligen Bildungsgang zum Azubi-Coach.

»Wir werden also in unseren Anstrengungen nicht nachlassen, wir werden digitaler. Und wir werden weiterhin unterschiedliche Zielgruppen ansprechen, von Jugendlichen mit Startschwierigkeiten über junge Geflüchtete und Jugendlichen mit Migrationshintergrund bis hin zu Abiturienten und Studienaussteigern. Im Vordergrund stehen dabei nach wie vor die Vorteile einer dualen Ausbildung im Handwerk samt der vielfältigen Karrierewege, die sie eröffnet«, erläuterte die Bildungsexpertin die Zielsetzungen der Handwerkskammer in Sachen Nachwuchswerbung.

 

IHK Kassel-Marburg: Ausbildungsmarkt 2020 mit Licht und Schatten

Die besonderen Entwicklungen im Jahr 2020 haben auch Spuren bei der Zahl der neu gemeldeten Ausbildungsverträge im Bereich der Industrie- und Handelskammer (IHK) Kassel-Marburg hinterlassen. Die gute Nachricht dabei ist, dass die Region mit einem Minus von 10,5 % im Vergleich zum Vorjahr deutlich besser als viele andere hessische Regionen abgeschlossen hat, offiziell liegt die IHK Kassel-Marburg im hessischen Ranking auf Platz zwei von zehn Regionen. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) meldet im Bundesdurchschnitt fast 14 % weniger Verträge als im Vorjahr. Dr. Thomas Fölsch, Bereichsleiter Aus- und Weiterbildung der IHK Kassel-Marburg: »So ermutigend unser Platz 2 von 10 in Hessen auch ist, so sehr setzen wir weiterhin auf intensive Informations- und Kommunikationskampagnen, zuletzt innerhalb der zweiwöchigen Aktion ›Parcours der Berufe‹.« Das Ergebnis spiegelt nach Auffassung des IHK-Experten die Lage der Betriebe zwischen dem Bedarf an Fachkräften einerseits und der Corona-Verunsicherung bei Jugendlichen und Betrieben andererseits wider: »Ganz offensichtlich hat in Nordhessen und Marburg die wirtschaftliche Zuversicht das Handeln der Betriebe bestimmt, so dass sie von ihrem Plan weiterhin auszubilden nur zu einem kleinen Teil abgewichen sind.« Dafür, so Dr. Fölsch, gebühre ihnen Dank und Respekt.

Das Ergebnis der Entwicklung des diesjährigen Ausbildungsmarkts wirkt sich innerhalb der einzelnen Berufsgruppen und Regionen unterschiedlich aus. Die Analyse der vorliegenden Zahlen ergibt Hinweise auf Ursachen für die teilweise zurückhaltende Einstellungspraxis der Betriebe, aber auch dafür, dass Jugendliche in diesem Jahr die offenen Ausbildungsstellen nicht besetzen und Alternativen wahrnehmen.

Die Metall- und Elektroindustrie hat in den drei zurückliegenden Jahren deutlich zugelegt (durchschnittlich + 3,7 % in den letzten drei Jahren), so dass nachvollziehbar wird, dass die Zahl der neuen Verträge gerade in diesem Jahr der Krise nicht wieder anstieg. Ähnlich stellt sich die Situation im Handel dar, der nach einem außergewöhnlichen Zuwachs in 2017 und 2018 schon im letzten Jahr auch angesichts der zunehmenden Bedeutung des Onlinehandels ein Minus zu verzeichnen hatte. Der Handel ist traditionsgemäß auch jene Branche, die geringfügige Konjunkturschwankungen und verändertes Käuferverhalten sofort zu spüren bekommt. Positiv ist, dass im Beruf Kaufmann im E-Commerce in diesem Jahr 38 neue Ausbildungsverträge geschlossen wurden. Damit ist die Region Kassel-Marburg in diesem Beruf die ausbildungsstärkste Region in Hessen (hessenweit insgesamt 70 Ausbildungsverträge).

In gleicher Weise kann man für die Industriekaufleute, normalerweise eine starke Stütze der Ausbildung, in der Gastronomie / Hotellerie und bei den Banken feststellen, dass Corona die gute Entwicklung der letzten Jahre verändert hat. Dr. Fölsch bemerkt dazu: »Wir verstehen diese Zahlen so, dass nach wie vor Bedarfe und große Bereitschaft auszubilden da sind. Die IHK werde deshalb alles daransetzen, die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage zu schließen«.

Die Gruppe der Bauberufe (z. B. Tiefbaufacharbeiter*in, Baugeräteführer*in, Baustoffprüfer*in) ist der Bereich, der mit 14,9 % stark wächst. Hier zeigt sich die positive Konjunktur der vergangenen Jahre, aber auch, dass die Unternehmen in den Berufen attraktiv ausbilden und die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt sehr gut sind.

In den Regionen zeigt sich ein unterschiedliches Bild. Während der Landkreis Hersfeld-Rotenburg ein insgesamt sehr positives Ergebnis mit plus 1,8 % aufweist und dabei zu großen Teilen von der Sonderkonjunktur im Bausektor der Region profitiert, verzeichnen Kassel-Land (minus 18,2 %) und der Werra-Meißner-Kreis (minus 16,8 %) rückläufige Tendenzen. Die Stadt Kassel (minus 10,2 %), der Landkreis Waldeck-Frankenberg (minus 12,0 %) sowie der Schwalm-Eder-Kreis (minus 10,5 %) verzeichnen zweistellige Verluste, während im Zuständigkeitsbereich der IHK in Marburg ein vergleichsweise gutes Ergebnis erzielt wurde (minus 7,6 %).

Hier machen sich verschiedenste Einflüsse bemerkbar. Im Werra-Meißner-Kreis etwa wirken sich die genannten Effekte im Bereich der Metall- und Elektroindustrie aus sowie Umstrukturierungen im Bankenbereich. Auch der strukturell in Bezug auf sein Branchenmix gut aufgestellte Landkreis Waldeck-Frankenberg kann die Einbußen im Metall- und Elektrosektor und auch die Auswirkungen in der Gastronomie und im stationären Einzelhandel nicht kompensieren. Anders dagegen die Lage im Schwalm-Eder-Kreis, einem bekanntermaßen starken Bereich der Logistikwirtschaft. Gerade dieser Ausbildungsbereich verliert nach sehr guten Jahren die Hälfte der Vertragszahlen des Vorjahres. Gegen den allgemeinen Trend jedoch legen im Schwalm-Eder-Kreis Handel und Elektrotechnik deutlich zu. In der Wirtschaftsregion Stadt Kassel und Landkreis Kassel sowie in Marburg wirken sich die bereits beschriebenen Ursachen der Metall- und Elektroindustrie sowie des Handels und der Gastronomie ebenfalls aus.

Alles in allem bilanziert die IHK, dass die derzeitige Situation ihre Spuren hinterlassen hat: »Positive Ansätze bei der Ausbildungs- und Übernahmebereitschaft der Betriebe, die wir zu Beginn des Jahres noch in unserer jährlichen Online-Umfrage bestätigt fanden, werden trotz des derzeitigen Umfeldes weitgehend umgesetzt«, erläutert Dr. Fölsch. Globale Tendenzen wie das Wachstum des Onlinehandels und Umstrukturierungen im Bankensektor sowie die Transformation in der Metall- und Elektroindustrie haben ebenfalls Einfluss auf die Entwicklung am Ausbildungsmarkt. Für 2021 bleibt der Bildungsexperte optimistisch: «Die bereitgestellten Fördermittel müssen und werden ihren Wert noch beweisen. Zusätzlich muss festgehalten werden, dass das duale Ausbildungssystem sehr stabil ist, ausgezeichnete Karrierechancen bietet und im IHK-Bezirk über 4200 Jugendliche aktuell in eine tolle und sichere Zukunft gestartet sind.»

 

Agentur für Arbeit Kassel: Jahresbilanz Ausbildungsmarkt 2019 / 2020

»Der diesjährige Ausbildungsstart stand unter besonderen Herausforderungen. Sowohl seitens der Bewerber als auch der Ausbildungsbetriebe herrschte eine große Unsicherheit, wie und ob ein Berufsstart im Zeichen der Pandemie möglich ist«, zieht Michael Schubert, Geschäftsführer operativ der Arbeitsagentur Kassel, eine durchwachsene Bilanz und setzt hinzu. »Dadurch verzögerten sich auch die Prozesse der Bewerbung, Vorstellung und Einstellung, weil Corona bedingt die Kommunikation nach dem ersten Lockdown verspätet und dann oftmals auch ausschließlich digital stattfand.«

»Beim Blick auf die Zahlen fällt ein deutliches Jahresminus von 9,8 Prozent bei der Anzahl der gemeldeten Bewerber auf. Grund ist unserer Einschätzung nach, dass sich viele Jugendliche angesichts der schwierigen Lage nicht für eine duale Ausbildung, sondern für den Besuch einer weiterführenden Schule bzw. die Aufnahme eines Studiums entschieden haben. Aber auch die generell sinkende Anzahl der Schulabgänger schlägt sich hier nieder. Auf der anderen Seite wurden auch 3,1 Prozent oder 109 weniger freie Ausbildungsstellen als in 2018/2019 von den Unternehmen gemeldet. Das ist ebenfalls nicht erfreulich, aber deutlich besser als der landesweite Rückgang von sogar 8,4 Prozent. Positiv bleibt unterm Strich festzuhalten, dass fast 60 Prozent weniger Ausbildungsstellen als vor einem Jahr unbesetzt blieben. Allerdings stieg dennoch die Zahl unversorgter Bewerber um fast 10 Prozent an.«

Die Statistik meldet weniger Bewerber und Ausbildungsstellen als im Vorjahr für das abgelaufene Berichtsjahr für den Agenturbezirk Kassel, der die Stadt Kassel, den Kreis Kassel  und den Werra-Meißner-Kreis umfasst. So zeigt die aktuelle Bilanz 3.380 betriebliche Ausbildungsplätze, 109 oder 3,1 Prozent weniger als zum selben Zeitpunkt des Vorjahres. Parallel sank auch die Anzahl der Ausbildungsplatzsuchenden um 372 oder 9,8 Prozent auf jetzt 3.436 Personen. Am Ende gab es 134 unversorgte Bewerber (plus 12 oder 9,8 Prozent).

Für die Stadt Kassel heißt das 1693 betriebliche Berufsausbildungsstellen (minus 54 bzw. 3,1 Prozent) und 1497 Bewerber (minus 164 bzw. 9,9 Prozent).

Im Kreis Kassel sind es 1.074 Angebote von Ausbildungsbetrieben (minus 104 bzw. 8,8 Prozent) und 1.330 potentielle Berufsstarter (minus 112 bzw. 7,8 Prozent).

Für den Werra-Meißner-Kreis zeigt die Jahresbilanz 613 Offerten heimischer Betriebe (plus 49 bzw. 8,7 Prozent) gegenüber 609 Ausbildungsplatzsuchenden (minus 96 bzw. 13,6 Prozent).

Im gesamten Agenturbezirk wurden die meisten Auszubildenden gesucht in den Berufsbereichen Rohstoffgewinnung, Produktion und Fertigung (1.118), kaufmännische Dienstleistungen, Handel, Vertrieb und Tourismus (621) sowie Unternehmensorganisation, Buchhaltung, Recht und Verwaltung (519).

 Die Top 5 der gemeldeten Ausbildungsplätze belegen Kaufmann/-frau im Einzelhandel vor Maler / Lackierer, Verkäufer/-in, Kaufmann/-frau Büromanagement und Fachkraft Lagerlogistik. Seitens der Bewerber rangieren Kaufmann/-frau Büromanagement vor Kfz-Mechatroniker/-in – Pkw-Technik, Kaufmann/-frau Einzelhandel und Verkäufer/-in auf der Beliebtheitsskala ganz oben.

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