Wirtschaftliche Lage im Handwerk noch stabil

Viele Betriebe erwarten aber eine erhebliche Verschlechterung der Geschäftslage.

© Manfred Grünwald

»Trotz erheblicher Unsicherheiten ist die Mehrheit der über 17.000 nord-, ost- und mittelhessischen Handwerksbetriebe mit ihrer aktuellen Geschäftslage zufrieden. Doch die Zukunftsaussichten werden von den Befragten sehr skeptisch eingeschätzt«, fasst Frank Dittmar, Präsident der Handwerkskammer Kassel, die Ergebnisse der Sommer-Konjunkturumfragung der Kammer zusammen.

Aktuell berichten 43,3 Prozent (Vorjahr: 44,3 Prozent) der Betriebe von einer guten Geschäftslage, weitere 38,4 Prozent (Vj.: 35,5 Prozent) melden zumindest eine befriedigende Lage. Doch der Blick auf die nächsten drei Monate zeigt, dass die Betriebe eine erhebliche Verschlechterung erwarten: Nur 7,3 Prozent (Vj.: 14 Prozent) der Befragten erwarten eine Verbesserung der Geschäfte, während 26,9 Prozent (Vj.: 13,2 Prozent) eine negative Entwicklung befürchten.

Waren bereits die vergangenen Monate von großen Preissteigerungen und Lieferengpässen geprägt, haben die Belastungen in den letzten Wochen noch einmal zugenommen: Weitere Preissteigerungen, vor allem bei den Energiekosten, deren Entwicklung noch nicht absehbar ist, der damit einhergehende Konsumrückgang und der drohende Gasmangel wirken dämpfend auf die Konjunktur. Der Geschäftsklimaindex ist durch die deutlich verschlechterte Erwartungshaltung unter Druck geraten und aktuell um 5,2 auf 100,2 Punkte gefallen. Im Vorjahr lag er noch bei 111,6 Punkten.

»Die aktuell solide Geschäftslage, die insbesondere auf die hohen Auftragsreserven im Baugewerbe zurückgeht, hält das Handwerk noch auf Kurs, aber das könnte sich angesichts der gegenwärtigen Krisenszenarien bald ändern. Nach zwei Corona-Jahren sind nun mit dem Krieg in der Uraine und dem Gasmangel weitere Faktoren hinzugekommen, deren Folgen nicht absehbar sind«, so Dittmar weiter.

Lediglich im Bauhaupt- und Ausbaugewerbe ist die Zufriedenheit hoch, entsprechend weniger pessimistisch schauen die Betrieb in die Zukunft. Bei allen anderen Handwerksbranchen sind die Aussichten schon jetzt recht trübe und gegenüber dem Vorjahr teils deutlich zurückgenommen.

Bei knapp jedem vierten Betrieb (24,4 Prozent) sind die Auftragsein­gänge branchenübergreifend gestiegen, ein Wert, der im Vorjahr noch bei 30,3 Prozent gelegen hatte. Von den Zuwächsen bei den Auftragseingängen profitierten jedoch nur die Betriebe des gesamten Baugewerbes. In den anderen Handwerksbranchen ist tendenziell ein Rückgang zu verzeichnen. Für die kommenden Monate zeigen sich die Betriebe auch hier eher pessimistisch. So rechnen lediglich 14,2 Prozent der Befragten mit einer steigenden Auftragslage (Vorjahr: 31,6 Prozent), 29,7 Prozent erwarten dagegen einen Rückgang der Ordereingänge.

Mit ihrer Auslastung können die Betriebe im Kammerbezirk Kassel nach wie vor sehr zufrieden sein. Die durchschnittliche Kapazitätsauslastung liegt bei immerhin 80,4 Prozent. Viele Betriebe aus dem Baugewerbe sind sogar voll ausgelastet. Noch sind auch die Auftragsbücher gut gefüllt, durchschnittlich liegt die Auftragsreichweite bei 10,8 Wochen, aber auch hier wird das gute Ergebnis ausschließlich von den Betriebe des Baugewerbes getragen. Die Preisdynamik bei den Einkaufspreisen ist weiterhin hoch - und zwar gewerkeübergreifend. Aktuell klagen 88,9 Prozent der Betriebe über gestiegene Preise beim Einkauf von Material und Vorprodukten.

Obwohl das Herbstquartal vor der Tür steht, die traditionell stärksten vier Monate des Jahres, sind die Erwartungen der Betriebe sehr zurückhaltend und deutlich pessimistischer als in den Vorjahren. Viele Betriebe erwarten eine Verschlechterung der Geschäftslage und deutliche Rückgänge der Auftragseingänge: Knapp jeder dritte der Befragten geht hier von einem Minus aus. Ebenfalls überwiegend negativ ist die Umsatzprognose der Befragten.

»Insbesondere die Zukunftserwartungen unserer Betriebe machen den Ernst der Lage sehr deutlich. Die zweite Jahreshälfte 2022, so steht zu befürchten, wird eine große Herausforderung für die Betriebe, die es in dieser Form sehr lange nicht gab«, bilanziert Dittmar die Sommerkonjunkturumfrage der Kammer.

Hintergrund: Vierteljährlich befragt die Handwerkskammer Kassel ca. 810 repräsentativ ausgewählte Betriebe aus Nord-, Ost- und Mittelhessen zur aktuellen Konjunkturentwicklung. Dabei werden sowohl weiche Indikatoren (z. B. Geschäftslageeinschätzung) als auch harte Indikatoren (Auftragseingänge, Umsätze, Beschäftigte, Investitionen u. a.) abgefragt. Das Geschäftsklima errechnet sich aus dem geometrischen Mittelwert der Umfrageergebnisse zur Geschäftslage und zu den Erwartungen.

Das Handwerk im Kammerbezirk Kassel beschäftigt ca. 93.000 Mitarbeitende in über 17.100 Betrieben, bildet ca. 7.200 junge Menschen aus und erwirtschaftet einen Umsatz von 9,2 Milliarden Euro.

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