Empfang der Wirtschaft: Sagen, was ist.
Rund 400 Gäste aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft kamen beim gemeinsamen Empfang von IHK und HWK in Lohfelden zusammen, um über »Freiheit und Verantwortung im Diskurs« zu sprechen. Im Mittelpunkt standen die angespannte wirtschaftliche Lage, steigende Belastungen für Betriebe und die Rolle von Medien und Politik in Krisenzeiten.
Rund 400 Gäste aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Medien, Verwaltung und Gesellschaft folgten der Einladung zum gemeinsamen Empfang der Wirtschaft der Industrie- und Handelskammer (IHK) Kassel-Marburg und der Handwerkskammer Kassel (HWK) im Glashaus in Lohfelden. Der von der Kasseler Journalistin Amira El Ahl moderierte Abend stand unter dem Thema „Wirtschaft, Medien, Politik: Freiheit und Verantwortung im Diskurs“. Der Journalist, Bestsellerautor und Unternehmer Stefan Aust machte in seiner Keynote unter der Überschrift »Sagen, was ist« deutlich, dass es nicht Aufgabe von Journalisten sei, sich Wunschbilder zu eigen zu machen. Er forderte von ihnen, genau hinzusehen und von der Politik sachdienliche Lösungen für die aktuellen Krisen einzufordern.
Bereits zum Auftakt unterstrichen IHK-Präsidentin Desirée Derin-Holzapfel und HWK-Vizepräsident Rolph Limbacher, dass die wirtschaftliche Lage in vielen Betrieben angespannt ist. Der von der Bundesregierung angekündigte »Herbst der Reformen« sei ausgeblieben, ebenso der »Frühling der Reformen½. Stattdessen dominierten Maßnahmen, die neue Belastungen statt Wachstumseffekte erzeugten. Ein aktuelles Beispiel sei die steuerfreie Prämie von 1.000 Euro. Sie sei zwar politisch als Entlastung für Beschäftigte gedacht, führe aber faktisch zu zusätzlichen finanziellen Belastungen für Arbeitgeber, die selbst eine Entlastung und keine Belastung brauchen. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten und angesichts steigernder Energiepreise sei der finanzielle Spielraum begrenzt. Entsprechend ernüchternd falle der wirtschaftspolitische Befund aus. Nach zwei schwachen Jahren drohe auch 2026 im besten Falle Stagnation, so Derin-Holzapfel und Limbacher.
Désirée Derin-Holzapfel wies auf die zunehmenden geopolitischen Unsicherheiten hin, insbesondere im Nahostkonflikt und mit Blick auf die Straße von Hormus. Diese Entwicklungen wirkten sich direkt auf die Energiepreise und die Lieferketten aus und erhöhten die Unsicherheit für Unternehmen. »Wenn die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland so schlecht und wettbewerbsverzerrend sind, dann zeigen sich täglich die negativen Folgen für die Wirtschaft und dann muss das auch so benannt werden«, betonte die IHK-Präsidentin. In vielen Betrieben seien die finanziellen Reserven aufgebraucht, die Liquidität sei zunehmend gefährdet: »Viele Unternehmen investieren nur noch im Ausland, tägliche Insolvenzen und leise geschlossene Geschäfte kommen nicht wieder und diese Arbeitsplätze sind verloren.« Gerade deshalb komme den Medien eine wichtige Rolle zu: Sie müssten wirtschaftliche Entwicklungen präzise abbilden und politische Maßnahmen an ihrer Wirkung messen.
HWK-Vizepräsident Rolph Limbacher zeichnete aus Sicht des Handwerks ein ähnliches Bild. Neben einer ausufernden Bürokratie und steigenden Kosten für Material und Energie belasteten die wachsenden Lohnzusatzkosten die Betriebe im personalintensiven Handwerk besonders stark. Und den Beschäftigten bleibe weniger Netto vom Brutto. »Das Handwerk darf nicht unbezahlbar werden«, warnte Limbacher, »denn das gefährdet nicht nur einzelne Betriebe, sondern gesamtgesellschaftliche Strukturen – gerade im ländlichen Raum«. Es sei wichtig, dass solche Zusammenhänge auch über die Medien in der Öffentlichkeit ankommen, um die Akzeptanz für die Forderungen des Mittelstands zu erhöhen. »Wir brauchen statt unausgegorener Einzelmaßnahmen endlich mutige strukturelle Reformen, die spürbare Entlastungen für die Betriebe bringen«, appellierte Limbacher.
Im abschließenden Fishbowl-Talk erörterten IHK-Präsidentin Desirée Derin-Holzapfel, HWK-Vizepräsident Rolph Limbacher sowie die Unternehmerin Julia Esterer und der Bauunternehmer Jörg Marpe gemeinsam mit Stefan Aust die Stimmungslage der Wirtschaft in der Region und ihre Erwartungen an Politik und Medien. Einigkeit bestand darin, dass die wirtschaftliche Lage ernst ist und es gerade in Krisenzeiten eine Öffentlichkeit braucht, die Probleme klar benennt, einordnet und Entwicklungen sachlich abbildet, ohne sie zu beschönigen oder aber zu dramatisieren. Stefan Aust sprach von der Notwendigkeit einer kritischen Grundhaltung: »Die Medien sollten daran mitwirken, dass die Realität deutlich wird.« Er appellierte an die Unternehmen, »die für das Wohl und die Existenz des Wirtschaftsstandortes Deutschland maßgeblich verantwortlich sind«, sich einzuschalten, Position zu beziehen und kritisch gegenüber Politik und Verwaltung zu bleiben.