Handwerkskonjunktur überraschend gut – Fachkräftesicherung bleibt Herausforderung
09.12.2011
„Die Wirtschaftsentwicklung im Handwerk in Nord-, Ost und Mittelhessen ist in den vergangenen zwei Jahren beeindruckend verlaufen, das war definitiv so nicht zu erwarten“, bilanzierte Heinrich Gringel, Präsident der Handwerkskammer Kassel, den Konjunkturverlauf anlässlich der 120. Vollversammlung. Während 2009 die Betriebe noch eine Umsatzeinbuße von 3,5 Prozent verkraften mussten und das Niveau der Beschäftigten leicht gesunken war, verzeichnete das regionale Handwerk 2010 bereits einen Umsatzwachstum von zwei Prozent, die Zahl der Beschäftigten stieg um 0,5 Prozent. „Heute gehen wir davon aus, dass wir für 2011 mit einem Umsatzwachstum von 4,5 Prozent und einem Beschäftigtenzuwachs um ein Prozent rechnen können.“
Da die Konjunktur aber auch für das Handwerk langsam abflaue, erwarte er für das kommende Jahr keinen weiteren Sprung, aber auch keine Rezession. „Konkret gehen wir davon aus, dass unsere Betriebe ein Umsatzwachstum von zwei Prozent verbuchen werden und ihre Beschäftigten werden halten können.“Als eine Zukunftsaufgabe, deren Lösung entscheidenden Einfluss auf die Wirtschaftsentwicklung der Betriebe habe, bezeichnete er die Sicherung der Nachwuchs- und Fachkräfte. Deshalb müssten alle Anstrengungen unternommen werden, möglichst jeden jungen Mensch in die Lage zu versetzen, mit einer Ausbildung zu beginnen. „Wir dürfen keinen zurücklassen – weder die leistungsschwachen Schüler noch die Jugendlichen, denen es zu Hause an der nötigen Unterstützung fehlt.“
Der Ruf nach Auszubildenden aus dem Ausland habe für ihn keinen Sinn, solange nicht die jungen Menschen vor Ort für eine Lehre gewonnen seien. Dazu müsse das Interesse an der Berufswelt aber nicht erst in der Schule, sondern spielerisch bereits im Kindergarten geweckt werden.Zu den Zukunftsmärkten für das Handwerk gehörten der Umweltschutz und die Energieeinsparung. Auf dem Weg in ein neues Energiezeitalter komme aus Sicht des Handwerks vor allem dem Gebäudebereich, auf den rund 40 Prozent des gesamten Verbrauchs und ein Drittel der Emissionen entfallen, die entscheidende Rolle zu. „Die parteiübergreifend beschlossene Energiewende kann im Gebäudebereich jedoch nur mit einem Instrumentenmix aus steuerlicher Förderung der energetischen Sanierung, der bewährten Kfw-Förderung sowie einem maßvollem Ordnungsrecht gelingen“, ist Heinrich Gringel überzeugt.„Deshalb muss die politische Hängepartie im entsprechenden Gesetzgebungsverfahren schnell beendet werden.“ Das Handwerk fordere ein sozial ausgewogenes Konzept zur steuerlichen Förderung energetischer Sanierungen. Dabei sollte berücksichtigt werden, dass die steuerliche Förderung ein Konjunkturförderprogramm sei, das sich in Zukunft mehrfach rechne: „Der Energiebedarf sinkt, die Umwelt wird geschont, Ausbildung und Beschäftigung im Handwerk und der Wirtschaft insgesamt werden stabilisiert, Innovationen werden angestoßen.“
Den künftigen Entwicklungen muss auch die Handwerkskammer Kassel gerecht werden. So informierte Eberhard Bierschenk die Vollversammlung, dass sich noch in diesem Jahr entschieden werde, ob der in die Jahre gekommene Werkstattbereich des BZ Bildungszentrums Kassel saniert oder neu gebaut werde. Neben der energetischen Sanierung stehe vor allem die Anpassung des Raumbedarfs im Mittelpunkt der Überlegungen. In diesem Zusammenhang wies der stellvertretende Hauptgeschäftsführer darauf hin, dass das Bildungszentrum Mitte der 70er Jahre die vorhandenen Räumlichkeiten ohne weiteren Umbau bezogen hätte. Nach beinahe 40 Jahren gelte es, nicht nur die Flächen der Werkstätten an den demografischen Wandel anzupassen, sondern auch die Räumlichkeiten der Nutzung entsprechend zu gestalten. Sanierungs- und Modernisierungsbedarf konstatierte Bierschenk auch beim Internatsgebäude der Bildungsstätte.
Für den demografischen Wandel rüsten muss sich auch die Kammer selbst. Hier berichtete der stellvertretende Hauptgeschäftsführer, dass bis Ende 2012 zehn von insgesamt 83 Mitarbeitern die Kammer in die Altersteilzeit verlassen werden. „Es geht für uns also schon heute darum, nicht nur dafür zu sorgen, dass wir den Personalbedarf weitgehend aus den eigenen Reihen decken können. Die Herausforderung besteht darin, bei diesem großen personellen Wechsel Wissen und Erfahrung zu sichern.“ Die Kammer werde die große Fluktuation aber auch nutzen, sich zukunftsorientiert aufzustellen. „Selbstverständlich werden wir unser umfangreiches Beratungs- und Serviceangebot für unsere Betriebe aufrechterhalten. Allerdings werden wir es an ihrem künftigen Bedarf neu ausrichten.“
Bierschenk berichtete der Vollversammlung weiter, dass der Haushaltsplan für die Kammer und die Werkakademie für Gestaltung Hessen für das Jahr 2012 acht Millionen Euro umfasst. Weiter sind sieben Millionen Euro für den ersten Bauabschnitt des BZ Bildungszentrums Kassel eingeplant. „Unser Haushalt ist solide finanziert und folgt den Prinzipien der Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit. Also wird es auch 2012, wie übrigens seit über zehn Jahren, keine Erhöhung der Beiträge geben.“
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