Junge Handwerksgesellen auf Wanderschaft
Sieben Monate in Italien
Mit Unterstützung der Handwerkskammer Kassel, die als Träger der Weiterbildung fungierte, haben Herr Thomas Koch, Steinbildhauer und Herr Lorenz Reinard, Steinmetz in der Zeit vom 21.06.04 – 31.01.2005 an dem europäischen Austauschprogramm SESAM teilgenommen. Beide sind erfolgreiche Absolventen der Kasseler Werkakademie für Gestaltung und beantragten bei der Handwerkskammer Kassel im Anschluss an dieses Werkstudium die Aufnahme in das SESAM Programm. Sie berichten über Ihren Auslandsaufenthalt in Italien, dem Herkunftsland der klassischen Bildhauerei:
Thomas Koch: Anfang 2004 hörte ich erstmals von dem SESAM-Programm. Im europäischen Ausland zu leben und zu arbeiten, um neue berufliche und kulturelle Erfahrungen sammeln zu können, war schon immer mein Wunsch. Sofort habe ich mich über weitere Teilnahmebedingung informiert. Nach einem ausführlichen Be-ratungsgespräch bei der Handwerkskammer Kassel fühlte ich mich in meiner Entscheidung bestärkt, den Schritt zu wagen.
Von Beginn an habe ich mich bei der Suche nach einem geeigneten Betrieb auf Italien konzentriert. Das Land hat eine lange Tradition im Steinmetz- und Steinbildhauer-Handwerk und besitzt einen der wichtigsten Märkte für Naturstein und dessen Weiterverarbeitung in den Bereichen Bildhauerei, Architektur, Restauration und Kunsthandwerk. Der wohl bekannteste Ort in diesem Zusammenhang ist Carrara und seine nähere Umgebung.
Die Suche nach einer geeigneten Werkstatt gestaltete sich schwierig, letztendlich konnte ich aber mit dem akademischen Bildhauer Ulrich Johannes Müller einen interessierten Betriebsinhaber in Italien finden. Die Werkstatt liegt an einer schmalen Bergstraße zwischen La Spezia und dem Bergdorf Campiglia. Es handelt sich um ein altes Militärgebäude aus dem 19. Jahrhundert das seit ein paar Jahren als Bildhauerwerkstatt genutzt wird. Im Vergleich zu den Werkstätten in denen ich vorher tätig war, fehlt es in dieser an einigen technischen Geräten und Maschinen zur Erleichterung der Arbeit. Somit war ich gezwungen auf traditionelle Arbeitsmethoden zurückzugreifen. Auch wenn mir diese alten Arbeitsmethoden in vielen Situationen fremd waren, werde ich sie doch auch in Zukunft in meinen Arbeitsalltag einfließen lassen.
Während des Aufenthalts in Italien erhielten Lorenz Reinard und ich die Möglichkeit, an der Ausschreibung eines internationalen Bildhauersymposiums in San Guiliano Terme, einem kleinen Ort in der Nähe von Pisa, teilzunehmen. Die Jury entschied sich für einen Entwurf von Lorenz Reinard. Für die Realisierung seiner Idee fuhren wir gemeinsam nach San Guiliano Terme und nahmen an unserem ersten Bildhauersymposium teil.
Arbeiten während eines Symposiums heißt: Improvisieren, sich untereinander helfen, Wissen und Erfahrungen austauschen. Handwerkliches Geschick und der persönliche Wille eine äsethische Skulptur zu arbeiten ließen uns die primitiven Arbeitsbedingungen teilweise vergessen. Dank der Begeisterung und dem Interesse der Besucher erhiel-ten wir zusätzliche Bestätigung für unser Können und unseren Einsatz. Vor Beginn des Symposiums verspürte ich großen Respekt vor großformatigen Skulpturen. Der Respekt für Arbeiten dieser Art und Größe wird bleiben, doch werden mir die gewonnenen Erfahrungen eine große Hilfe sein...
Lorenz Reinard: Ich habe mich zur Teilnahme an dem SESAM Programm entschlossen, um meinen Horizont im Bereich der Bildhauerei zu erweitern. Ich war und bin daran interessiert, heraus zu finden, was ich als Steinmetz machen, wo und wie ich als Steinmetz arbeiten und leben kann.
Als Herkunftsland der klassischen Bildhauerei und als Land des weltweit berühmten weißen Marmors kommt man als Steinmetz und Steinbildhauer an Italien nicht vorbei. In Carrara hat man das Gefühl, dass sich das ganze Leben um Marmor dreht. So viele Steinbildhauereien, Sägebetriebe, Blocklager, mit Stein beladene LKWs und Steinbrüche auf kleinem Raum gibt es meines Erachtens nirgendwo sonst auf der Welt.
In Italien arbeitet ein Steinmetz fast ausschließlich mit Marmor, dies stellt einen grundsätzlichen Unterschied zum Arbeitsalltag eines Steinmetzes in Deutschland dar.
Auch die Produkte, die in beiden Ländern aus Stein gefertigt werden, sind sehr unterschiedlich. In Italien werden auch heute noch viele Skulpturen wie Madonnen, Engel und andere Heiligenfiguren angefertigt und verkauft. Ich empfinde die figurative Bildhauerei als die Königsklasse des Handwerks, es ist atemberaubend, was die italienischen Handwerker aus Marmor machen können.
Als schade empfinde ich es, dass das Arbeiten mit Stein in Italien das Normalste von der Welt zu sein scheint. In Deutschland hat das Steinmetzehandwerk ein anderes Ansehen, nicht besser, aber exotischer. Mir gefällt es einen exotischen Beruf auszuüben und in staunende Gesichter zu blicken, wenn ich von meiner Arbeit erzähle.
Während des Aufenthalts in Italien hatte ich die Gelegenheit, an der Ausschreibung für ein einwöchiges Bildhauer Symposium teilzunehmen. Mein eingereichter Vorschlag wurde angenommen. Das Thema des Symposiums war Wasser, das zur Verfügung stehende Material Pappelholz, ein für mich ungewöhnliches Material. Eine weitere völlig neue Erfahrung, war der Umstand, dass ich meine Werkstatt zum Werkstück bringen musste und nicht umgekehrt. Stellenweise sehr schwierig war, dass ich auf dem Symposium nur begrenzt mit Werkzeug ausgestattet war und immer wieder einfach improvisieren musste. Das Schöne ist, dass sich in solchen Situationen herausstellt, wie kreativ man wirklich ist.
Nach meiner Ausbildung zum Steinmetz habe ich ein zweijähriges Studium zum „Gestalter im Handwerk“ an der Kasseler Werkakademie für Gestaltung absolviert. Ich spielte am Ende der Akademiezeit mit dem Gedanken Kunst zu studieren. Da ich aber den Schwerpunkt meiner zukünftigen Arbeit klar in eine Richtung lenken wollte, musste ich mich entscheiden: Kunst oder Handwerk? Der Italienaufenthalt hat mich um Erfahrungen bereichert, die mir geholfen haben, diese Entscheidung zu treffen. Ohne den Aufenthalt in Italien hätte ich den Arbeitsalltag eines Künstlers und den eines Handwerkers nicht vergleichen können. Ein wichtiges Argu-ment, mich gegen die Kunst zu entscheiden, ist der finanzielle Aspekt. Die Künstler, die ich in Italien kennen gelernt habe, leben meistens am Existenzminimum. In der Regel können sie zu wenig von ihrer Kunst verkaufen. Durch das geringe und unregelmäßig Einkommen sind sie kaum in der Lage, in Werkstatt, Material und Werkzeug zu investieren, so dass eine professionelle und effektive Arbeit kaum möglich ist.
Ich habe mich entschieden, dass es nicht nur darum geht „schöne“ Dinge herzustellen, sondern auch darum, wie etwas gemacht wird. Der ganze Prozess von der Idee über das Meißeln bis hin zum fertigen Stück ist wichtig und muss professionell gehandhabt werden. Die Möglichkeit Geld zu verdienen und zu investieren sehe ich heute ausschließlich als Handwerker...
Dieses Projekt wurde mit Unterstützung der Europäischen Gemeinschaft, der Otto-Wolff-Stiftung und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung über die Stiftung SEQUA finanziert. Der Inhalt dieses Projektes gibt nicht notwendigerweise die Meinung der Europäischen Gemeinschaft oder der ZVA wieder und sie übernehmen dafür keine Haftung.
Ansprechpartner:
Cornelia Albert
Tel.: 0561 7888-133
Fax: 0561 7888-176
E-Mail: Cornelia.Albert@hwk-kassel.de
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